Die finsteren Mauern der Basilika erschienen in einem unheimlichen Licht. Erleuchtet von hunderten von Kerzen enthüllte sich der düstere Glanz des größten liturgischen Gebäudes von Kastel Kashen der entzückten Menge. Obwohl die Ritter des Duke de Brall an den Anblick des spektakulären Inneren, erschaffen aus Ebenholz, Kletterpflanzen und verschlungenen Wurzeln, gewöhnt waren, so galt dies doch nicht für das gemeine Volk, welches selten die Gelegenheit hatte, dieses heilige Sanktuarium zu betreten,
Aber dies war eine dieser Gelegenheiten. Einem Ritter de Bralls sollte hier und heute große Ehre zuteil werden.
Die Lieder des Chors aus jungen Schwestern steigerten ihre Intensität und hallten von den dicken Mauern wider, als die Prozession die Basilika betrat. Ihr Gesang war feierlich und innig. Er war laut genug um das metallische Klicken der Rüstung derer, welche sich in religiöser Prozession dem Altar näherten, zu übertönen.
Mit dem Lächeln eines Vaters, der die ersten Schritte seines Kindes betrachtet, erwartete sie der Erzbischof Ademus. Von zwei Diakonen unterstützt führte er wieder einmal diese Feierlichkeiten durch, wie er es bereits so oft in der Vergangenheit getan hatte. Und wie gewöhnlich prüfte er noch einmal diskret, ob alles perfekt vorbereitet war. Als seine Assistenten bereit waren, gab er dem Chor verborgen von seinem Ärmel ein kurzes Handzeichen, woraufhin dieser begann den „Stirpis Prasinus“ zu singen, den „Gesang der grünen Wurzeln“. Die Zeremonie konnte nun beginnen.
Die lange Reihe wartender Ritter teilte sich in zwei Linien, welche einen Korridor aus schimmernden Rüstungen und Waffen formten. Die Menge hielt den Atem an während der „Pertinax Truncus“, der „Gesang des geschlossenen Baumstamms“, durch die Hallen schallte.
Ein adliges Paar näherte sich nun durch das Spalier der Ritter. Der Mann war groß und muskulös während die Frau schmal und feingliedrig erschien. Aber niemand würde sich jemals trauen auf die Unterschiede dieser seltsamen Zusammenkunft hinzuweisen. Sire Arzehl, Duke de Brall, war ein grimmiger Krieger für den Gnade von geringer Bedeutung war. Viele tapfere und heldenmutige Taten in Kämpfen gegen die Aurlok hatten dieser Fleisch gewordenen Naturgewalt den Ruf eines bekannten Schwertkämpfers und respektierten Lords eingebracht. Mit seiner dünnen, goldhaarigen Frau lief er in militärisch steifer Haltung zum Altar und verneigte sich respektvoll. Obwohl der Duke eher an Schlachtfeldstrategien als an religiöses Protokoll gewöhnt war, so war er dennoch ein gläubiger Mann. Und mit derselben Demut flankierte er nun den Erzbischof zu dessen linker Seite, um, zumindest für die Dauer dieser Zeremonie, eine heilige Übereinkunft zwischen Adel und Klerus zu präsentieren. Er bot einen beeindruckenden Anblick in seiner schweren Rüstung aus Obsius.
Die Menge blieb stumm und sah zu, wie der Ritterliche Gesandte Garlan Lennen de Brall sich unter den respekt- aber manchmal auch neiderfüllten Blicken seiner Kameraden durch das Spalier bewegte. Er war in voller Rüstung und trug alle seine Waffen. Neben einem offenen Helm und einer Vollplattenrüstung trug er einen schweren Schild, geziert vom Symbol der Baronie (eine schwarze Axt auf rotem Grund), so dass ihm nur sein Waffenarm frei blieb. Dazu trug er ein Breitschwert und an der rechten Hüfte seinen bekannten Flegel. Diese Waffe, deren Kopf sogar größer als der Kopf eines Aurlok war, und seine unglaublichen Fähigkeiten im Umgang mit ihr hatten Garlan de Brall einen beachtlichen Ruf eingebracht.
Als er die ersten Stufen des Altars erreichte, drehte sich Garlan um, senkte sein rechtes Knie auf den Boden und verneigte sich feierlich vor der ihm zugewandten Anordnung. Zum ersten Mal war der Chor still und der Erzbischof begann zu sprechen.
„Edle Ritter, gütige Gemeinde. Wir haben uns heute hier versammelt, um den Bathacrann zu ehren. Er, der über uns und unsere Erde wacht. So wie der Baum des Lebens sollen auch wir uns stark, fest und stolz gen Himmel recken. Ser Garlan hat dies in seiner unendlichen Hingabe dem gesamten Königreich von Avalon mit seiner heiligen Gesinnung viele Male bewiesen. Und dafür danken wir ihm.“
Die Menge reagierte indem sie mit einem kleinen rituellen Gebet auf die Ansprache des Erzbischofs antwortete. Dann sprach er weiter:
„Ser Garlan Lennen de Brall, Ritterlicher Gesandter, an diesem heiligen Tag wurdet Ihr als ein Wirt auserwählt. Wie das Herz aus Pflanzensaft des Beathacrann, in welchem Euer Schicksal widerhallt, werdet Ihr hier und heute in Eurer Seele und Eurem Geist ein Geschenk des Baums des Lebens erhalten. Ihr werdet nun zu einem der Auserwählten unter den Tapferen und zu einem Symbol unter den Tugendhaften. Und dafür danken wir Euch.“
Der Chor begann erneut zu singen, dieses Mal den „Frons Pilatis“, den „Gesang des dichten Blattwerks“, während die zwei Diakone und der Erzbischof ihren Blick auf die Decke der Basilika richteten und ihre Arme in Anbetung erhoben. Die Wurzeln und Dornenzweige, welche die Wände hinauf wuchsen, begannen sich zu bewegen. Viele der Stränge ließen sich herab und formten so eine Verlängerung, welche bis zum Altar herunter reichte. Sie stoppten direkt vor dem Erzbischof und nicht ein einziges Geräusch war im Sanktuarium zu hören. Alle Anwesenden hielten ihren Atem an während sie der Majestät des Beathacrann huldigten.
“Durch die Gunst von Ihm, der über uns und unsere Länder wacht, seid Ihr nun hier, am Rande des Kether, Ser Garlan de Brall. Die Krone bietet Euch ihre Umarmung an. Nehmt Ihr sie an, werdet Ihr ein Wirt des Beathacrann. Ihr werdet zu seinen Waffenarm, ein leidenschaftlicher Krieger für den Ruhm Avalons und den Baum des Lebens. Akzeptiert Ihr diese ruhmreiche Bestimmung, Ser Garlan de Brall?”
“Ja, das werde ich.”
“Werdet Ihr dem Beathacrann für den Rest Eures sterblichen Lebens dienen und wenn Euch denn der Tod ereilt in alle Ewigkeit an seiner Seite sein?“
“Ja, das werde ich.”
Werdet Ihr Euer Fleisch der Gunst des Baums des Lebens und seiner heiligen Alchemie übergeben?“
„Ja, das werde ich.“
Der Erzbischof drehte sich nun zu der Verlängerung, welche der Beathacrann gesandt hatte, und während des “Frugis Fecondus”, dem „Gesang der ergiebigen Frucht”, erschien eine einzelne Blüte. Eine Blüte mit komplexen und subtilen Formen, deren Schwärze tiefer war als alles, was Garlan jemals erblickt hatte. Schwärzer noch als die Mauern von Kerkastel. Dann verwelkte die Blüte und an ihrer Stelle reifte eine seltsame Frucht: ein schwarzgrüner Samen, so groß wie eine Männerfaust, welcher in einer Art Herzschlag pulsierte. Der Erzbischof pflückte sie mit extremer Vorsicht und ohne dabei den Blick von dem Samen zu nehmen sprach er zum Ritterlichen Gesandten.
“Ser Garlan de Brall, nehmt Eure Waffe und haltet sie hoch.”
Der Ritter zögerte für wenige Sekunden. Dann nahm er anstatt des Schwertes seinen Flegel, dessen klickende Kette die umgebende Stille störte, und präsentierte ihn dem Erzbischof. Dieser begab sich zu Garlan und legte den Samen auf den nackten Arm desjenigen, der dazu bestimmt war, diese mächtige Gabe zu erhalten.
“Beim Willen des Beathacrann und durch die mächtige Alchemie Avalons, Ser Garlan de Brall, werdet der Wirt für diesen Samen des Baums des Lebens. Dafür danken wir Euch.“
Der Samen begann plötzlich zu keimen und schien mit dem lebendigen Fleisch des Ritters zu verschmelzen. Garlan verzog vor Schmerz sein Gesicht, als die Pflanze in seinem Arm Wurzeln schlug, aber kein Laut kam über seine Lippen. Unter seiner Haut spross die Saat und bildete ein Gewebe, welches sich bis zu seinem Brustkorb erstreckte. Gleichzeitig wurde sein Arm von spitzem Dorngestrüpp bedeckt, welches sich unaufhaltsam über jeden Zoll seines freiliegenden Fleisches ausbreitete. Auch der Flegel war betroffen. Arm und Waffe schienen sich mit der Pflanze zu verbinden. Als der Gesang schließlich aufhörte, blickte Ser Garlan de Brall mit schweißbedecktem Gesicht auf seinen Arm. Durch die Gunst des Beathacrann war sein Arm nun eine heilige Verbindung aus Fleisch und Dorngestrüpp, an dessen Ende sich eine stachelbesetzte Kugel befand, welche in einem bedrohlichen Licht glühte.
Die Vorfreude auf die nächste Schlacht ließ ihn sein Gesicht zu einem boshaften Grinsen verziehen.